Im März 1973 stößt das Team des Archäologen Robin Birley am Rand des römischen Kastells Vindolanda in Nordengland in einem tiefen Graben auf zwei dünne Holzsplitter, die aussehen wie ölige Hobelspäne. Sie kleben aneinander. Als man sie vorsichtig voneinander löst, steht auf der Innenseite Schrift. Tinte, nach fast zwei Jahrtausenden. Sie beginnt zu verblassen, sobald die Luft sie berührt. Die Vindolanda-Tafeln sind entdeckt, und mit ihnen tritt eine Welt hervor, deren Alltag nur selten so unmittelbar und zusammenhängend greifbar wird: das Leben römischer Soldaten und ihrer Familien an der Nordgrenze Britanniens.
Ich schreibe über diese Männer, seit ich Romane schreibe. Aber kaum ein Fund hat mir so viel über ihren Alltag verraten wie diese Postkarten aus Holz.
Vindolanda-Tafeln: Was der Boden bewahrt hat
Vindolanda lag an der Straße, die heute als Stanegate bekannt ist, wenige Kilometer südlich der Linie, auf der Rom später den Hadrianswall errichten sollte. Als die Soldaten dort ihre Briefe schrieben, gab es die Mauer noch nicht. Der Wallbau begann erst 122, nach der Entstehungszeit der hier vorgestellten Texte. Diese Texte stammen aus den Jahren grob um 90 bis 120 n. Chr., der Schwerpunkt liegt um das Jahr 100. Der Gesamtbestand reicht darüber hinaus.
Dass sie überhaupt erhalten sind, verdanken wir dem Boden. Die Tafeln lagen in wassergesättigten, sauerstoffarmen Schichten, die teils von Ton abgedichtet waren. Sauerstoffarmut bremst den Abbau von Holz erheblich. Unter gewöhnlichen Bodenbedingungen bleiben solche Holzbriefe selten erhalten, hier überdauerten sie fast zwei Jahrtausende.
Die berühmten Tintentafeln sind kaum größer als eine Postkarte: dünne Blättchen aus Birke, Erle und Eiche, nur wenige Millimeter stark, häufig ungefähr zwanzig mal acht Zentimeter. Man beschrieb sie mit einer gespaltenen Schreibspitze, vermutlich häufig aus Schreibrohr, und schwarzer Tinte auf Kohlenstoffbasis, vermutlich mit einem Bindemittel wie Gummi arabicum angerührt. Dann faltete man sie in der Mitte, schrieb die Adresse auf die Außenseite und band sie zusammen. Ein Brief im Wortsinn, aus Holz einheimischer Arten, während Papyrus importiert werden musste.
Der Gesamtbestand umfasst mehr als 1.700 Stücke, darunter viele Fragmente. Neben den Tintentafeln gibt es mehrere hundert dickere hölzerne Wachstafeln. Einen Teil der Sammlung bewahrt das British Museum, einen Teil zeigt das Museum vor Ort. Und es wird weitergegraben: 2017 kamen etwa 25 weitere Tafeln ans Licht, die wohl zu einem Archiv gehörten und im späten ersten Jahrhundert in den Boden gelangten.
Wie man verblasste Tinte liest
Viele Texte sind mit bloßem Auge kaum oder nur teilweise lesbar. Die Tinte ist verblasst, das Holz nachgedunkelt. Die Infrarotfotografie brachte hier den Durchbruch: Im Infrarotbereich hebt sich die Tinte besser vom dunklen Holz ab, und plötzlich werden Wörter sichtbar. Die Forscher Alan Bowman und David Thomas haben danach Jahre damit verbracht, die schwer lesbare Kursivschrift zu entziffern und die Texte herauszugeben. Dazu kommt die Arbeit der Restauratoren, die das empfindliche Holz materiell sichern.
Die Schrift ist keine Monumentalschrift, wie man sie von Steininschriften kennt. Es ist die alltägliche römische Kursive: mal sorgfältig, mal flüchtig, in Verwaltungstexten oft mit vielen Abkürzungen. So schrieb man, wenn man nicht für die Ewigkeit schrieb. Genau das macht die Tafeln so wertvoll.
Briefe römischer Soldaten: Wäsche, Bier und Post
Was steht nun drauf? Wer bei römischen Soldaten an Heldentaten denkt, wird überrascht. Viele Texte betreffen Verwaltung und Versorgung: Listen, Quittungen, Anforderungen. Dazwischen stehen ganz private Zeilen.
Die lückenhafte Tafel 346 nennt in der Übersetzung der Edition: Paar Socken von Sattua, zwei Paar Sandalen, zwei Paar Unterhosen und nochmals zwei Paar Sandalen. Das Verb „ich habe geschickt“ ist dabei ergänzt, die Zahl der Sockenpaare ist nicht sicher lesbar. Es geht also um eine Sendung mit Socken, Sandalen und Unterhosen. Wer Absender und Empfänger sind und in welcher Beziehung sie stehen, wissen wir nicht. Am Schluss lässt der Schreiber die Kameraden grüßen und wünscht dem Empfänger, dass er mit ihnen in bestem Glück lebe. Der Satz ist so unspektakulär, dass man ihn fast überliest. Genau deshalb wirkt er so echt.
Auf Tafel 628 schreibt ein Dekurio, ein Reiteroffizier namens Masclus, an seinen Kommandanten Flavius Cerialis. Er fragt, was seine Männer am nächsten Tag tun sollen, und fügt am Ende, fast wie einen Nachsatz, hinzu: „Meine Kameraden haben kein Bier mehr. Bitte lass welches schicken.“ Das Wort für Bier ist cervesa, ein lateinisch verwendetes Lehnwort keltischer Herkunft. Dass die Soldaten Bier tranken und es auch vermissten, ist damit belegt.
Auf Tafel 310 beschwert sich ein Mann namens Chrauttius bei Veldeius, den er als „Bruder“ und alten Kameraden anspricht, dass er so lange keine Antwort bekommen habe. Ob die beiden verwandt waren, ist offen: Die Namen werden als germanisch oder keltisch geprägt gedeutet, und „Bruder“ konnte auch eine Anrede unter Kameraden sein. Die Szene ist so alltäglich, dass sie fast berührt: Jemand wartet auf Nachricht.
Und auf Tafel 214 schreibt ein Adlerträger, ein aquilifer, wahrscheinlich der Legio II Augusta, an seinen „kleinen Bruder“. Die Zahl der Legion ist stark beschädigt, die Lesung gilt aber als wahrscheinlich. Der Mann, der den Legionsadler trug, beginnt seinen Brief mit einer ungewöhnlich ausführlichen Grußformel. Der Ton ist vertraut.
Das Kastell Vindolanda im Alltag: Zahlen, Wege, Getreide
Eine Einordnung vorweg: Vindolanda war kein Legionslager, sondern ein Kastell für Hilfstruppen, sogenannte Auxilien. Zu den hier stationierten Einheiten gehörten die erste Kohorte der Tungrer und später die neunte Kohorte der Bataver. Flavius Cerialis, der Präfekt der neunten Bataverkohorte, ist aus den Briefen gut bekannt. Das ist wichtig, denn Auxiliareinheiten waren anders organisiert als Legionen.
Berühmt ist der Stärkebericht der ersten Tungrerkohorte, datiert auf den 18. Mai in den 90er Jahren des ersten Jahrhunderts. Er zeigt in der Lesung der Edition, wie zerfasert diese Einheit in der Praxis war: Von 752 Mann, darunter sechs Zenturionen, waren nur 296 im Kastell. 456 waren abkommandiert, der größte Trupp davon im Kastell Corbridge, wahrscheinlich ein Zenturio bis nach London. Von den Anwesenden waren 31 nicht dienstfähig: 15 krank, sechs verwundet, zehn litten an einer Augenentzündung. Als Gegenbild zur Vorstellung eines ständig geschlossenen Verbands taugt dieses Beispiel hervorragend. Mehr zum Dienst der Offiziere steht in meinem Beitrag über den Zenturio als Rückgrat der Legion.
Tafel 343 gibt Einblick in die Versorgung. Ein Mann namens Octavius, der Getreide und Häute beschafft, schreibt an Candidus, den er als „Bruder“ anspricht: Er habe rund 5.000 modii Getreide gekauft und brauche dringend mindestens 500 Denare, sonst verfalle eine Anzahlung von 300. Häute und einen Wagen in Cataractonium, dem heutigen Catterick, habe er noch nicht abgeholt, weil er die Tiere bei schlechten Wegverhältnissen nicht schinden wolle. So sieht Versorgung aus, wenn man sie aus der Nähe betrachtet: Geldsorgen und schlechte Wege. Wer mehr über das Leben der Männer im Dienst wissen möchte, findet es in den zehn überraschenden Fakten über das Leben eines Legionärs.
Brittunculi: Ein abschätziger Blick auf die Briten
Eine kurze Tafel, Nummer 164, enthält ein Wort, das sich in der Forschung eingeprägt hat: Brittunculi. Es ist eine Verkleinerungsform von „Briten“ mit herablassendem Unterton, etwa „die elenden kleinen Briten“. Der Textanfang ist beschädigt, die Lesung unsicher. Die erste Zeile könnte besagen, dass die Briten ungepanzert seien. In der Übersetzung der Edition heißt es sinngemäß: Es gibt sehr viele Reiter, die Reiter benutzen keine Schwerter, und die elenden Briten steigen auch nicht auf, um Speere zu werfen.
Wer das geschrieben hat und zu welchem Zweck, ist unbekannt. Möglich ist eine Einschätzung der Gegner, denkbar sind auch andere Zusammenhänge. Belegt ist die abschätzige Wortwahl, ein seltener Hinweis darauf, wie man in diesem Umfeld über die Einheimischen sprach. Wie die Eroberung der Insel begann und was sie die Römer kostete, habe ich in der wahren Geschichte der britannischen Eroberung erzählt.
Eine Geburtstagseinladung und die Stimmen der Frauen
Das vielleicht bekannteste Stück der ganzen Sammlung ist keine militärische Meldung, sondern eine Einladung. Auf Tafel 291 lädt Claudia Severa, die Frau eines Offiziers namens Aelius Brocchus, der wohl in der weiteren Umgebung stationiert war, ihre Freundin Sulpicia Lepidina ein, die Frau des Präfekten Cerialis. Der Anlass: ihr Geburtstag am 11. September. Sie bittet sinngemäß herzlich darum, dass Lepidina kommt, und schreibt, sie mache ihr den Tag mit ihrer Anwesenheit schöner.
Der Brief selbst stammt von der Hand eines Schreibers. Aber der Schluss ist anders. Sinngemäß heißt es dort: „Ich werde dich erwarten, Schwester. Leb wohl, Schwester, meine liebste Seele.“ Diese letzten Zeilen schrieb Severa selbst, in einer anderen Handschrift. Damit ist die Tafel eines der frühesten erhaltenen Zeugnisse für Latein von einer Frauenhand.
Der Brief erinnert auch daran, dass an der Grenze nicht nur Männer lebten. Offiziersfamilien, Händler, Handwerker und Sklaven gehörten zur Welt eines Kastells. Wie die Familien der Soldaten tatsächlich lebten und wie viel die Quellen darüber verschweigen, habe ich im Beitrag über Frauen und Familien der römischen Legionen aufgeschrieben.
Warum die Vindolanda-Tafeln so wichtig sind
Aus der römischen Welt kennen wir Geschichtsschreiber, die Schlachten schildern und Kaiser deuten, dazu Inschriften, Papyri und Ausgrabungen. Der Alltag eines Soldaten an einer Provinzgrenze wird aber nur selten so unmittelbar greifbar wie hier. Die Vindolanda-Tafeln zeigen, dass im römischen Heer geschrieben und Schrift genutzt wurde: von Offizieren, Verwaltern, Händlern, ihren Frauen und Freunden, oft mithilfe von Schreibern. Sie zeigen, wie weit Menschen und Waren in der Provinz unterwegs waren: Orte wie London, Corbridge und Catterick tauchen in den Texten auf. Und sie zeigen Menschen, die Schulden, Sorgen und Wünsche hatten.
Was Vindolanda für meine Bücher bedeutet
Meine Romane der Adler-Saga Söhne Roms spielen in den Jahren 43 bis 46 n. Chr., also mehrere Jahrzehnte vor den Briefen von Vindolanda, in den ersten Jahren der Eroberung. Die Tafeln gehören einer späteren Phase an. Trotzdem begleiten sie mich, wenn ich über meine Figuren nachdenke. Sie erinnern mich daran, dass hinter Legionsadler, Schlachtordnung und Befehl immer Menschen standen, mit Sorgen um Versorgung, Post und Bier. Als Romanautor stelle ich mir vor, wie sie froren, fluchten und auf Nachricht warteten. Belegt ist das durch die Tafeln nur teilweise, es ist meine Vorstellung.
Wer mehr über die Welt dieser Männer erfahren möchte, wirft am besten einen Blick auf den Hadrianswall, dessen Bau 122 begann, nach der Entstehungszeit der hier vorgestellten Texte, und auf die Bücher, in denen ich versuche, diese Menschen wieder zum Leben zu erwecken.
Titelbild: Vindolanda-Tafel 343 (Brief von Octavius an Candidus), British Museum, London. Foto: Michel wal, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Bildformat für die Darstellung angepasst.
Häufige Fragen
Was sind die Vindolanda-Tafeln?
Die Vindolanda-Tafeln sind dünne Holzplättchen mit Tintenschrift, die im römischen Kastell Vindolanda in Nordengland gefunden wurden. Sie enthalten Briefe, Listen, Berichte und Abrechnungen überwiegend aus der Zeit um 100 n. Chr. Der Gesamtbestand umfasst mehr als 1.700 Stücke, darunter viele Fragmente und mehrere hundert Wachstafeln.
Wann und wo wurden die Tafeln entdeckt?
Die ersten Tafeln kamen im März 1973 bei den Grabungen von Robin Birley in Vindolanda zum Vorschein, nahe dem späteren Hadrianswall in Northumberland. Bis Ende der Grabungssaison kamen über zweihundert Fragmente zusammen. Spätere Grabungen brachten weitere Funde, 2017 etwa 25 Tafeln.
Warum ist die Tinte nach rund 1.900 Jahren noch lesbar?
Die Tafeln lagen in wassergesättigten, sauerstoffarmen Schichten, die den Abbau von Holz stark bremsten. Viele Texte sind trotzdem nur schwer zu lesen. Infrarotfotografie hebt die Tinte besser vom dunklen Holz ab, und Restauratoren sichern die empfindlichen Stücke, damit sie erhalten bleiben und lesbar werden.
Was steht auf den Vindolanda-Tafeln?
Viele Texte betreffen Verwaltung und Versorgung, etwa Stärkeberichte, Listen und Abrechnungen. Dazwischen stehen private Briefe: eine Bitte um Bier, eine Sendung mit Socken, Sandalen und Unterhosen, Klagen über ausbleibende Antwort und die Geburtstagseinladung von Claudia Severa an Sulpicia Lepidina. Sie zeigen den Alltag an der Grenze.
Wo kann man die Vindolanda-Tafeln sehen?
Ein bedeutender Teil der Tafeln wird im British Museum in London aufbewahrt, wo einzelne Stücke in der Galerie zum römischen Britannien ausgestellt sind. Das Vindolanda-Museum in Nordengland, direkt am Fundort, zeigt ebenfalls Tafeln, darunter Leihgaben, dazu Funde wie Schuhe und Textilien.
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