04. Mai 2026
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Frauen und Familien der römischen Legionen

Es ist ein Schuh aus weichem Leder, kleiner als eine Männerhand. Daneben liegt ein zweiter, noch kleiner, kaum größer als ein Apfel. Beide wurden in einer römischen Mannschaftsbaracke…

Es ist ein Schuh aus weichem Leder, kleiner als eine Männerhand. Daneben liegt ein zweiter, noch kleiner, kaum größer als ein Apfel. Beide wurden in einer römischen Mannschaftsbaracke gefunden. Beide gehörten Menschen, die laut Reichsgesetz dort nicht hätten sein dürfen. Wer sich mit Frauen in der römischen Legion beschäftigt, stößt auf eine erstaunliche Wahrheit: Über zweihundert Jahre lang lebten Tausende Frauen und Kinder im direkten Umfeld der Legionäre, ohne offiziell zu existieren. Sie kochten, gebaren, liebten, starben. Auf dem Papier waren sie unsichtbar.

Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat das alte Bild des reinen Männerlagers gekippt. Penelope Allison von der Universität Leicester hat in ihrem Projekt Engendering Roman Military Spaces nachgewiesen, dass Frauen nicht nur in den Vorstadtsiedlungen, sondern auch innerhalb der Lagermauern präsent waren. Spinnwirtel zwischen den Schwertern, Glasperlen unter den Brettern der Baracken, Haarnadeln im Schutt der Mannschaftsräume. Diese Funde erzählen eine Geschichte, die in keiner Inschrift steht.

Das Heiratsverbot des Augustus: Der Anfang einer Doppelmoral

Um 13 v. Chr. erließ Kaiser Augustus ein Gesetz, das die nächsten zwei Jahrhunderte das Familienleben der römischen Soldaten prägen sollte. Aktive Legionäre und Auxiliarsoldaten durften nicht heiraten. Eine bestehende Ehe wurde mit dem Eintritt in die Legion automatisch nichtig. Die Gründe waren pragmatisch und kalt: Disziplin sollte gewahrt, Versetzungen ohne Familienlasten möglich sein, und der Fiskus sparte sich Witwenpensionen sowie Sold-Aufschläge für Frau und Kind.

Das Verbot blieb bis zur Reform durch Septimius Severus im Jahr 197 n. Chr. in Kraft. Das ist ein Zeitraum, in dem Generationen von Soldaten zwar zusammenlebten, Kinder zeugten und Häuser bauten, dies aber alles in einer juristischen Grauzone. Wer in den Romanen über das Britannien des 1. Jahrhunderts liest, etwa in der Adler-Saga Söhne Roms, betritt genau diese Welt: ein Reich, das offiziell zölibatäre Krieger schickte, aber überall Lagerdörfer voller Familien duldete.

Wer war die focaria? Frauen ohne Status, Frauen ohne Recht

Die Lebensgefährtin eines Soldaten trug einen einfachen Namen: focaria. Wörtlich übersetzt heißt das „die am Herd“. In Inschriften auf Grabsteinen taucht auch das Wort uxor (Ehefrau) auf, aber es war eine soziale, keine rechtliche Bezeichnung. Diese Frauen kamen aus drei Hauptgruppen: Sklavinnen, die ein Soldat von seinem Sold gekauft und gehalten hatte, freigelassene Frauen aus dem Umfeld der Lagersiedlungen sowie peregrinae, also nicht-römische Einheimische der jeweiligen Provinz.

In Britannien um 47 n. Chr. waren das oft Töchter und Witwen aus den Stämmen der Trinovanten, Catuvellauni und Cantiaci. Die Frau eines thrakischen Auxiliarreiters konnte aus einem Dorf am Themseufer stammen. Die Verbindung war unter dem Schutz seines Schwertes sicher, aber rechtlich ein Nichts. Stirbt der Soldat im Gefecht, ohne Testament zu hinterlassen, erbt seine focaria nichts. Sie hat keinen Anspruch auf Hinterbliebenenrente, keinen Schutz, kein Bürgerrecht. Sie verschwindet aus den Akten so leise, wie sie hineingekommen ist.

Canabae und Vici: Die Lagerdörfer als Heimat

Direkt am Wall der Legionsfestung wuchs eine zweite Stadt. Die Römer nannten sie canabae legionis, das Lagerdorf der Legion. In Britannien war Camulodunum, das heutige Colchester, der wichtigste Standort dieser Art. Ab 43 oder 44 n. Chr. lag dort die Legio XX Valeria, und um die hölzernen Wälle der Festung wuchsen Marktbuden, Werkstätten, Schenken, Tempel, Wohnhäuser. Händler aus Gallien brachten Wein und Olivenöl, britische Bauern verkauften Korn und Vieh, und in den schmalen Gassen lebten die Familien der Soldaten.

Auch wenn die canabae juristisch auf Militärland lag und der Legionslegat dort der oberste Gerichtsherr war, herrschte in diesen Siedlungen eine Mischkultur, die der Provinz das Gesicht prägte. Bei den kleineren Auxiliarkastellen entstanden ab dem späten 1. Jahrhundert die vici, eigenständigere Dorfsiedlungen, oft zwei oder drei Kilometer entfernt. Sie waren das Wohnzimmer des römischen Lagerlebens: Hier lernten Kinder Latein neben der Sprache ihrer Mütter, hier feierte man römische Feste neben keltischen Götterritualen, hier mischte sich das Reich mit den Eroberten.

Als die Legio XX im Jahr 49 n. Chr. nach Westen verlegt wurde, übernahmen Veteranen das ehemalige Lager. Aus der canabae wurde die colonia Claudia Victricensis, die erste römische Bürgerstadt Britanniens. Genau diese Stadt brannte zwölf Jahre später nieder, als Boudicca mit ihren Iceni und Trinovanten heranzog. Die Frauen und Kinder der ersten Generation, die in den Baracken geboren worden waren, starben in den Flammen ihrer eigenen Heimat.

Castris geboren: Das Schicksal der Kinder

Auf römischen Inschriften taucht ein bitteres Wort auf: castris. Es bedeutet „im Lager geboren“. Diese Kinder waren römisch im Geist, aber nicht im Recht. Da der Vater offiziell nicht ihre Mutter geheiratet hatte und die Mutter meist keine römische Bürgerin war, folgten die Kinder ihrem Status. Ein Kind, dessen Vater Legionär aus Italien war und dessen Mutter aus einem britischen Dorf stammte, wurde nicht römischer Bürger. Es konnte kein Land erben, keine Ämter bekleiden, keinen Vertrag schließen, der vor einem römischen Gericht zählte.

Wenn der Vater fiel, verschwand auch der schmale Schutz, den seine Stellung bot. Der Junge konnte später vielleicht selbst in eine Auxiliareinheit eintreten, der Tochter blieb oft nur die Heirat mit einem anderen Soldaten oder Händler des Lagerdorfes. Eine ganze Generation lebte zwischen den Welten: zu römisch für die Stämme, zu nichtrömisch für die Verwaltung.

Der Tross der Legion: Calones, Lixae und das zweite Heer

Eine Legion auf dem Marsch war nie nur eine Legion. Hinter den fünftausend Soldaten zog ein Tross, der fast genauso groß war. Pro Legion rechneten die Quartiermeister mit etwa tausend bis zwölfhundert calones, bewaffneten Sklaven, die als Maultiertreiber, Lastenträger und Lagerhelfer dienten. Sie trugen Helme, daher ihr Spitzname galearii, und konnten in Notlagen kämpfen. Sie hoben Gräben aus, schlugen Zelte auf, schleppten Wasser, kümmerten sich um die Tiere.

Daneben zogen die lixae mit, freie Marketender, Schmiede, Schreiber, Heiler, Priester, Prostituierte und Händler. Sie waren keine Kombattanten, hatten aber im Lager eine eigene Ordnung. Wenn die Legion ein neues Standlager errichtete, schlug der Tross seine Buden direkt vor dem Wall auf, und aus diesem provisorischen Markt entwickelte sich oft die spätere Lagerstadt. Zwischen ihnen liefen Kinder, kochten Frauen, geboten Frauen über kleine Geschäfte. Das Bild des nüchternen, marschierenden römischen Heeres entspricht der Wirklichkeit nur zur Hälfte.

Tacitus berichtet in den Annalen (Buch 1, Kapitel 40) von einer aufsehenerregenden Szene am Rhein im Jahr 14 n. Chr. Während einer Soldatenmeuterei muss Germanicus seine schwangere Frau Agrippina und seinen kleinen Sohn Gaius, später bekannt als Caligula, aus dem Lager schicken, um sie in Sicherheit zu bringen. Der Skandal lag nicht im Aufruhr, sondern in der Tatsache, dass eine hochrangige römische Frau und ein kleines Kind sich überhaupt im Feldlager aufgehalten hatten. Die Empörung verrät, was als Norm galt: Frauen waren da. Hochgestellte Frauen sollten es nicht sein.

Das Veteranendiplom: Eine Bronzetafel verändert drei Leben

Nach fünfundzwanzig Jahren Dienst bekam ein Auxiliarsoldat ein Geschenk, das sein Leben und das seiner Familie umstürzte. Eine Bronzetafel, das diploma militare, in zwei Exemplaren, eines für den Soldaten, eines im Reichsarchiv. Auf ihr stand, mit Zeugen und Datum, dass der Träger das römische Bürgerrecht erhielt, das conubium, also das Recht, eine Nicht-Bürgerin rechtsgültig zu heiraten, sowie die rückwirkende Anerkennung der gemeinsamen Kinder als Bürger.

Das war der Augenblick, in dem aus drei Schatten drei Bürger wurden. Der Veteran konnte seine focaria endlich Ehefrau nennen, sein Sohn konnte sich der Legion anschließen, seine Tochter konnte einen Bürger heiraten, ihr Land vererben, ihre Stimme zählen lassen. Die Bronzetafel war kostbarer als jeder Sold. In Museen Europas finden sich heute hunderte solcher Diplome, jedes ein Beweis für ein Leben, das im Schatten begonnen hatte und im Licht endete.

Doch nicht alle hatten dieses Glück. Antoninus Pius beschränkte um 140 n. Chr. das Privileg: Kinder, die vor der Entlassung geboren waren, bekamen das Bürgerrecht nicht mehr automatisch. Wer also vor dieser Reform geboren wurde, gewann. Wer danach kam, verlor.

Frauen, die nicht existieren durften

Die Forschung über das römische Lagerleben ist heute nicht mehr nur Militärgeschichte. Sie ist auch Sozialgeschichte, Frauen- und Kindergeschichte. Lindsay Allason-Jones hat mit ihrem Standardwerk Women in Roman Britain gezeigt, wie weit verbreitet diese „unsichtbaren“ Familien tatsächlich waren. In Vindolanda, einem Auxiliarkastell knapp südlich des späteren Hadrianswalls, fanden Archäologen über siebentausend Lederschuhe, darunter feine Damen- und Kinderschuhe. Spinnwirtel und Glasperlen lagen in den Mannschaftsbaracken neben Pfeilspitzen und Helmschnallen.

Das berühmteste Dokument aus Vindolanda ist die Geburtstagseinladung der Claudia Severa an ihre Freundin Sulpicia Lepidina, geschrieben um 100 n. Chr. Sie ist der älteste in lateinischer Sprache erhaltene Brief einer Frau. Eine Lagerfrau lädt eine andere Lagerfrau zum Geburtstag ein. Ein einziger Holzstreifen, mit Tinte beschrieben, beweist, was Steininschriften niemals hätten zeigen können: Diese Frauen hatten Freundschaften, Pläne, Festtage, eigene Stimmen.

Auch der Grabstein des thrakischen Reiters Longinus Sdapeze in Colchester, datiert auf etwa 49 n. Chr., gehört in dieses Bild. Er starb wenige Jahre vor dem Boudicca-Aufstand. Sein Erbe ließ den Stein setzen, vermutlich ein Sohn oder Bruder. Wer der Erbe wirklich war und wer am Grab weinte, sagt der Stein nicht. Aber er sagt: Es gab jemanden.

Eine Welt zwischen den Welten

Wenn ich in meinen Romanen die Welt der römischen Eroberer in Britannien zeichne, denke ich oft an diese unsichtbaren Lagerfrauen. An die Britinnen, die einen Eroberer liebten und gleichzeitig den Tod ihres eigenen Volkes mitansehen mussten. An die Söhne, die Latein und Britisch sprachen, die in einer Welt aufwuchsen, in der ihre Eltern offiziell keine Familie sein durften. Tribun Gaius Julius Maximus und Zenturio Brutus, die Helden der Adler-Saga Söhne Roms, leben in genau diesem Britannien der Jahre 43 bis 46 n. Chr., wenige Jahre vor dem Aufstand der Boudicca. In ihren Lagern leben Frauen, die offiziell nicht da sind. In den Gassen ihrer canabae spielen Kinder, die offiziell nicht römisch sind. Und doch tragen sie das Reich auf ihren Schultern.

Ein Lederschuh in einer Baracke ist mehr als ein Stück Abfall. Er ist der Beweis, dass die offizielle Geschichte und die wirkliche Geschichte zwei verschiedene Geschichten sind. Die wirkliche ist immer die spannendere.

Häufige Fragen

Durften römische Legionäre heiraten?

Nein, von 13 v. Chr. bis 197 n. Chr. galt unter Augustus erlassen ein striktes Heiratsverbot für aktive Legionäre und Auxiliarsoldaten. Eine bestehende Ehe erlosch mit dem Eintritt in die Legion. Erst nach 25 Jahren Dienst und mit dem Veteranendiplom durften sie eine rechtsgültige Ehe schließen.

Was war eine focaria?

Eine focaria war die inoffizielle Lebensgefährtin eines Soldaten. Der Begriff bedeutet „die am Herd“ und beschreibt Sklavinnen, freigelassene Frauen oder einheimische Frauen, die mit Legionären oder Auxiliaren zusammenlebten. Rechtlich waren diese Verbindungen Nichtehen, sozial wurden sie weitgehend akzeptiert und in Inschriften häufig als uxor bezeichnet.

Wo lebten die Frauen römischer Soldaten?

Frauen lebten in den canabae, den Lagerdörfern direkt am Wall der Legionsfestung, in den vici neben kleineren Auxiliarkastellen oder, wie neuere archäologische Funde zeigen, sogar in den Baracken der Soldaten selbst. Penelope Allisons Forschung in Vindolanda und anderen Standorten hat das alte Bild des reinen Männerlagers widerlegt.

Was passierte mit den Kindern von Legionären?

Diese Kinder hießen castris geboren. Sie hatten in der Regel keinen Bürgerstatus, da ihre Eltern juristisch nicht verheiratet waren und die Mutter meist keine römische Bürgerin war. Sie konnten kein Land erben und keine Ämter bekleiden. Erst durch das Veteranendiplom des Vaters wurden sie nachträglich zu Bürgern, sofern sie vor 140 n. Chr. lebten.

Was ist ein Veteranendiplom?

Ein Veteranendiplom war eine Bronzetafel, die Auxiliarsoldaten nach 25 Jahren Dienst erhielten. Sie verlieh dem Veteranen das römische Bürgerrecht, das Recht zur rechtsgültigen Ehe (conubium) und die rückwirkende Anerkennung seiner Kinder als römische Bürger. Hunderte dieser Diplome sind in europäischen Museen erhalten.

Eine persönliche Anmerkung von Marc Beuster

Als Autor historischer Romane fasziniert mich genau diese Epoche – die Kraft, die Grausamkeit und die erstaunliche Modernität des Römischen Reiches. In meiner Adler-Saga nehme ich dich mit ins Herz dieser Welt: Legionäre, die an den Grenzen des Imperiums für ihr Leben kämpfen, politische Intrigen in Rom und die raue Wildheit Britanniens. Wenn dich dieser Artikel neugierig gemacht hat, schau dir gerne meine Romane an – du wirst die Geschichte auf eine ganz andere Weise erleben.

→ Zu den Romanen der Adler-Saga

Marc Beuster
Marc Beuster

Marc Beuster, geboren 1981 in Norddeutschland, schreibt historische Abenteuerromane aus der Welt der Römer. Seine Adler-Saga nimmt Leser mit in die Welt der römischen Legionäre – packend, authentisch, atmosphärisch.

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